Kai Havertz in Mariadorf: "Alle Gartenzwerge kaputt geschossen"

Kai Havertz in Mariadorf: "Alle Gartenzwerge kaputt geschossen"

Wo sind unsere Nationalspieler eigentlich groß geworden? Wo haben sie ihre ersten fußballerischen Schritte gemacht? Anlässlich der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko vom 11. Juni bis zum 19. Juli stellt FUSSBALL.DE in seiner Serie "Die Wiege der WM-Fahrer" die Heimatvereine der Nominierten vor. Heute: Kai Havertz und der SV Alemannia Mariadorf.

Die Geschichte von Kai Havertz und dem SV Alemannia Mariadorf beginnt am Rande von Aachen, auf einem Schulhof und an Garagenwänden. Vor allem aber beginnt sie auf der Anlage des SV Alemannia Mariadorf aus dem Fußball-Verband Mittelrhein. Havertz wohnte damals nur 300 Meter von dem Platz entfernt, auf dem der deutsche Nationalspieler mit vier Jahren erstmals im Verein Fußball spielte. Heute trägt der 26-Jährige das Trikot des FC Arsenal London, ist mit seinem Team gerade englischer Meister geworden und gehört zur Weltspitze des Fußballs. Doch alles begann hier, in Mariadorf.

Jupp Weitz kennt diese Geschichte von Anfang an. Der heutige Ehrenpräsident des SV Alemannia Mariadorf war von 1995 bis 2019 Vorsitzender des Klubs aus dem Fußball-Verband Mittelrhein hat die frühen Jahre von Kai Havertz nicht nur beobachtet, sondern aktiv begleitet. Wenn er von dem kleinen Jungen erzählt, der einst auf den Trainingsplatz kam, leuchten seine Augen. "Kai hat sich für alles interessiert, was mit Fußball zu tun hatte", erinnert sich Weitz. "Sein Opa hat uns viel von ihm erzählt - und man hat schnell gemerkt, dass da etwas Besonderes heranwächst."

Der Opa heißt Richard Pelzer-Weidenhaupt und war bis 1995 Vorsitzender von Alemannia Mariadorf - bis Weitz diese Position übernahm. "Es gibt eine Geschichte, die viel über Kai Havertz aussagt“, erzählt Weitz und muss schmunzeln: "Kai hat schon als kleines Kind im Garten der Familie immer Fußball gespielt. Leider hat er dabei alle Gartenzwerge kaputt geschossen. Spätestens da war der Familie klar, dass sie den Jungen in einem Fußballverein anmelden müssen. So kam er zu Alemannia Mariadorf. An den Tagen, an denen er kein Training hatte, hat er zuhause immer weiter gegen das Garagentor geschossen und die ganze Nachbarschaft verrückt gemacht.“

Mit fünf Jahren spielte Havertz erstmals offiziell für die Bambini-Mannschaft des SV Alemannia Mariadorf. Schon damals - im Jahr 2003 - stach er aus der Masse heraus. Nicht durch Lautstärke oder Selbstdarstellung, sondern durch sein Können. So, wie heute auch. "Man hat schon gesehen, dass er besser ist als die anderen", sagt Weitz. "Dass er Talent hatte - das war eindeutig." Früher, ergänzt er mit einem Schmunzeln, hätte man so einen Jungen einen Straßenfußballer genannt.

Auch als Mensch war der junge Kai Havertz bereits das, was er heute noch ist: Ruhig, unaufgeregt, geerdet. "Der war ganz normal. Keiner, der im Vordergrund gespielt hat oder aufgefallen ist. Ruhig, bescheiden - einfach ein ganz normaler Junge", beschreibt Weitz den Charakter des späteren Weltklassespielers. Havertz blieb bis 2009 beim SV Alemannia Mariadorf, ehe er mit zehn Jahren zu Alemannia Aachen ging.

Weitz ist stolz auf diese Zeit, aber auch ehrlich: Talente zu halten war für einen Verein wie Mariadorf stets eine Herausforderung. "Wir haben viele gute junge Spieler herausgebracht", sagt er. "Kai ist einer davon - aber was aus ihm geworden ist, das macht uns im Rückblick einfach nur glücklich." Die Stationen danach sind Fußballgeschichte: Aachen, Bayer Leverkusen, FC Chelsea, Arsenal London - und immer wieder: Entscheidende Tore in entscheidenden Momenten. "Das ist so bei ihm", sagt Weitz. "Wenn wichtige Tore gefragt sind - Kai macht sie. Das war damals schon so, in der Jugend. Und das ist heute noch so."

Der SV Alemannia Mariadorf ist jedoch viel mehr als die Heimat eines Weltstars. Der Verein ist seit 1946 ununterbrochenes Mitglied im Spielbetrieb des Fußball-Verbandes Mittelrhein - ohne ein einziges Mal auf Kreisebene abgestiegen zu sein. Bis heute ist das so. "Das ist etwas, was nicht viele Vereine von sich behaupten können“, sagt Weitz.

Havertz ist dabei nicht der einzige Profi, der seine Wurzeln in Mariadorf hat. Auch andere Talente wuchsen hier auf, ehe sie andere Aufgaben fanden. Weitz nennt in diesem Zusammenhang Hans-Peter Lehnhoff, Mitch Kniat und Rachid Azzouzi. Es ist ein Zeichen dafür, dass der Klub großen Wert auf eine gute Nachwuchsarbeit legt. Aktuell zählt der Verein wieder rund 15 Mannschaften, nachdem nach dem Führungswechsel 2019 zunächst schwierige Jahre folgten. "Es geht wieder aufwärts", sagt Weitz. "Von sechs, sieben Mannschaften sind wir wieder auf 15 gewachsen. Da bin ich sehr stolz drauf. Das ist auch ein Verdienst unseres neuen Vorsitzenden Bernd Heller.“

Persönlichen Kontakt zu Kai Havertz haben die Verantwortlichen heute kaum noch. Ein Umstand, den Weitz offen anspricht - mit Verständnis, aber auch mit einem Hauch Wehmut. "Es tut mir eigentlich ein bisschen leid. Ich würde mich freuen, wenn wir wieder etwas mehr Kontakt haben könnten. Klar ist aber, dass er in England extrem eingespannt ist", sagt Weitz. "Aber vielleicht findet er ja nach der WM trotzdem mal Zeit, um vorbeizukommen. Wir würden uns alle riesig freuen.“

Mit Blick auf die bevorstehende Weltmeisterschaft ist Weitz jedenfalls uneingeschränkt optimistisch, was Kai Havertz betrifft: "Ich traue ihm zu, dass er uns bei der WM entsprechend weiterführen wird - da bin ich zu 1000 Prozent überzeugt.“ Ob Deutschland Weltmeister werden kann? Weitz wägt ab: "Ich würde mich schon freuen, wenn wir das Halbfinale erreichen. Weltmeister? Puh, das ist ein weiter und komplizierter Weg. Manchmal ist man über 90 Minuten die bessere Mannschaft und hat trotzdem das Nachsehen. Da spielt auch ein bisschen Glück mit."

Eines aber steht für den Ehrenpräsidenten des SV Alemannia Mariadorf außer Frage: Der Junge, der einst gegen Garagentore schoss und Gartenzwerge umnietete, hat seinen Weg gefunden. Und dieser Weg begann hier - in einem kleinen Dorf, auf einem kleinen Platz, bei einem kleinen Verein mit großem Herzen. "Er war einer von uns", sagt Weitz nachdrücklich. "Und das wird er immer bleiben."

Autor/-in: Martin Schwartz (fussball.de)
Foto. SV Alemannia Mariadorf (fussball.de)
BU: Kai Havertz (2.v.r. und r.) bei Alemannia Mariadorf: "Man hat schnell gemerkt, dass da etwas Besonderes heranwächst".
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